Liebesgedanken

Ich liege auf dem Rücken und sie hat ihren Kopf auf meiner Schulter. So liegen wir oft danach, während die Jalousie ein Muster aus Licht auf das Sofa zeichnet.

"Ich liebe Dich" sagt sie leise und ich spüre wie ihr Atem dabei über meinen Körper geht. Der Satz klingt als könnte er nicht ohne Antwort überleben. Erwartungen spriessen auf und stechen mir mit ihren Blütenblättern in die Seele. Sie sind bereit mich zu sezieren, wenn ich jetzt nichts sage.

Eine Möwe schreit. Das ist Draussen. Ich weiß nicht, was ich antworten kann, ohne zu lügen. Wenn ich weiter still bin wird sie den Kopf heben und mich ansehen. Dann ist es egal was ich sage – dann wird es eh zur Diskussion kommen und auf ein "Natürlich liebe ich Dich auch" hinauslaufen, das noch keine Frau geglaubt hat.

Wir kennen uns seit eineinhalb Jahren und ich habe lange gezögert, bis ich meine Gefühle zugegeben habe. Dafür haben sie, wies scheint, um so kürzer gehalten.

Ich nehme sie fester in den Arm, um mir einen weiteren Aufschub zu erkaufen. Ihr Körper drängt sich näher an mich. Ihre Schamlippen sind nass und öffnen sich, als sie sie gegen mein Bein drückt. Ich will das jetzt gerade nicht und muss vorsichtig sein, darf nicht zurückzuweichen.

In dieser Situation bleibt mir eigentlich eh nur ein Satz. Das weiß ich. Der eine, kurze Satz, glaubhaft ausgesprochen. Wenn ich ihn nicht überzeugend sage, wenn ich die Worte mit dem geringsten Zittern ausspreche, dann wir sie das fühlen. Sie nimmt jede Erschütterung unserer Beziehung wie ein Seismograph auf. Ihr Frühwarnsystem springt bereits an, wenn ich selbst noch nicht einmal bemerke, dass etwas nicht mehr stimmt. Mir bleibt nur ein Satz und ich weiß wie er lautet – weiß sogar, wie er sich anhören muss. Aber ob ich ihn zustande bringe kann ich nicht sagen.

Wie komme ich nur immer wieder in diese Situation, in der ich mir wie ein Betrüger vorkomme und die Wahrheit in einen Kleiderschrank sperren muss, wo sie erst wieder raus darf, wenn ich alleine bin? Es ist nicht das erste Mal, dass ich hier liege und mir keine Weisheit mehr nützt. Wie mach das die anderen Menschen?

Wenn wir im Auto fahren redet sie. Sie macht die Musik leiser und redet. Über ihre Freunde. Über das Kino. Über französische Schriftstellerinnen. Sie macht einfach die Musik leiser. Die Musik, die ich aufgelegt habe. Natürlich hat sie ein Recht dazu und was sie sagt ist auch nicht dumm. Zumindest nicht öfter als das, was ich so sage, unnötig ist. Aber es stört mich. So sehr, dass ich wütend werde. Mir ist es egal, wofür diese Wut ein Symptom sein könnte – sie ist da und sie braucht jedesmal länger um zu verrauchen.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da habe ich sie wirklich geliebt.

Ihr Arm legt sich über meinen Bauch. Noch merkt sie nicht, dass ich zögere. Sein Gewicht drückt schwer auf meine Blase, die zu nörgeln beginnt. Ich muss doch eh schon aufs Klo. So wird das nur noch schlimmer.

Wir wohnen nicht zusammen, sie fragt nicht was ich gestern Nacht getan habe, sie sucht nicht nach fremder Frauen Haare in meinem Bett. Trotzdem möchte ich jetzt lieber alleine sein. Nachdem ich gekommen bin sind meine Gedanken immer frei und treiben als Wolken über einen bedingungslosen Himmel dahin. Seit einiger Zeit treiben sie aber nicht mehr, wenn sie da ist.

Ich liebe sie nicht mehr so, wie ich wirklich lieben kann. Und ich muss ihr das sagen. Sonst zögere ich es wieder hinaus. Und dann staut sich Entfernung zwischen uns. Und eine Bedrohung lauert und drängt, bis ich dem Unglück freien Lauf gebe, damit es mich brutal von dem befreit, was ich nicht fähig bin ehrlich aufzulösen. Dann betrüge ich sie so lange bis ich etwas finde, das die sie so sehr verletzt, dass sie geht. Ich muss ehrlich sein.

Wenn ich jetzt nicht gleich etwas sage, merkt sie es.

"Ich Dich auch" sage ich so sanft wie es mir möglich ist.

Aber sie ist bereits eingeschlafen. Ich bin mit meinen Worten alleine.